Wohnen auf dem Präsentierteller?

Moderne Architektur wirkt durch ihren hohen Glasanteil transparent und leicht, erlaubt Ausblicke und schafft ein neues, anderes Wohngefühl. Doch dort wo man Ausblicke hat, gibt es auch Einblicke von außen. Die Bewohner eines Glashauses sitzen also auf dem Präsentierteller. Möchten Sie so wohnen?
Von den Holländern ist bekannt, dass sie an ihren Fenstern kaum Vorhänge haben. Jeder, der vorbeigeht, kann theoretisch die Familie beim Mittagessen, Wohnungsputz oder Fernsehen beobachten. In der Praxis macht das aber keiner. Die meisten Deutschen verzichten trotzdem nicht auf Vorhänge, weil sie dem Wohnen auf dem Präsentierteller nicht viel abgewinnen können. Sie trennen lieber Privates und Öffentliches.

Große Fensterflächen statt Wintergarten
Dennoch hat die neue Architektur mit ihrem hohen Glasanteil auch in deutschen Baugebieten ihren Platz gefunden. Das fing an mit dem viel gewünschten Wintergarten. Heute gibt es eher großflächig verglaste Wohnbereiche mit Schiebetüren zu Garten und Terrasse. Außerdem die sogenannte Atelierverglasung, also Fenster, die bis unter den First reichen und fürs Dachgeschoss mehr Licht und Sonne bringen.

Sich vor Blicken schützen
Das transparente, offene und helle Wohnambiente hat aber nicht nur Sonnenseiten. Wer sich vor neugierigen Blicken schützen will, wird sein Grundstück mit hohen Hecken umgeben oder eben die üblichen halbtransparenten Stores aufhängen. Damit verlieren die Wohnräume jedoch ihre gewünschte Offenheit.

Sonnenschutz ist Pflicht
Wie Ihre Entscheidung auch ausfallen mag, bei der Glasarchitektur dürfen Sie die Beschattung nicht aus den Augen verlieren. Beim Wintergarten und großen Glasdachflächen kommt eine ausreichende Belüftung noch dazu.

Außenliegende Rollos oder Jalousien haben die beste Wirkung gegen den bekannten Wintergarteneffekt: Sonneneinstrahlung gelangt schon gar nicht durch die Fensterscheiben und kann damit den Raum nicht unnötig aufheizen. Bei einer innenliegenden Beschattung staut sich zwischen Scheibe und Jalousie die Hitze, die irgendwo abgeführt werden muss.
Da außenliegende Jalousien und Rollos empfindlich gegen Regen und Sturm sind, sollte hier je nach Lage und Größe der Einrichtung eine witterungsgeführte automatische Steuerung eingebaut werden.

Dachüberstände reichen nicht aus
Große Dachüberstände können zwar zumindest im Sommer für eine ausreichende Beschattung sorgen. Doch in den frühen Morgen- und Abendstunden wird auch hier die Sonne in die Räume scheinen - im Winter sogar ganztägig. Das bringt dann zwar den gewünschten Wärmegewinn, die tiefstehende Sonne kann die Bewohner aber blenden.

Glasarchitektur oder großflächig verglaste Häuser erfordern erhöhten Planungsaufwand und mehr Kosten. Lohnen sich die Mühe und das Geld?

Pro:

  • Solare Energiegewinne
  • Viel Licht und Sonne auch im Winter
  • Leben mit der Natur: Garten und Innenraum verschmelzen optisch
  • Viele Ausblicke; besonders schön bei Aussichtslagen
  • Offene und transparente Architektur wirkt als einladende Geste

    Contra:

  • Gefahr der Überhitzung
  • Sonnenschutz kann den Blick verstellen - das Haus wirkt wie ein Käfig
  • Glas ist teuer; im Erdgeschoss ist Sicherheitsglas sinnvoll
  • hoher Reinigungsaufwand
  • schlechtere Dämmeigenschaften als die gedämmte Außenwand
  • bei Nacht wirken alle Fensterflächen als ungemütliche "schwarze Löcher"
  • Bei diesem Haus ist das komplette Dachgeschoss verglast. Da ist ein ausreichender Sonnenschutz besonders wichtig.
    Architekt: Flaig Architekten Foto: Nick Wendt

    Ein Zimmer wie ein Adlerhorst mit schönen Ausblicken ins Tal. Die Fenster bestehen aus Sicherheitsglas.
    Foto: Fullwood

    Ein klappbares Lamellenrost schützt die Fensterfront vor zu starker Sonneneinstrahlung.
    Foto: Baufritz